Heftig umstrittenes Thema: Ist der eSport echter Sport?

F. Sinner hat gepostet

Laut einem großangelegten Bericht aus dem Jahre 2017 existieren auf unserem Planeten etwa 2,2 Milliarden Gamer – die auf Smartphones, Tablet, Computern oder Konsolen spielen. Eine beeindruckende Zahl, vor allem wenn man bedenkt, dass der Spielemarkt im gleichen Jahr weltweit knapp 109 Milliarden US-Dollar an Einnahmen generiert hat. Bei solchen Zahlen ist es wenig verwunderlich, dass sich aus einem ohnehin kompetitiven Hobby eine zusehends professionellere Gruppe herauskristallisiert, die sich auf höherer Ebene gegeneinander messen möchte. Der sogenannte eSport ist ordentlich am Wachsen und scheint schier unaufhaltsam. Ähnliches sagte uns im Interview auch Herr Dr. Tobias Scholz von der Universität Siegen, der dem eSport eine glänzende Zukunft voraussagte. Doch der steigende Beliebtheitsgrad des eSport führt unweigerlich zu einer gesteigerten öffentlichen Wahrnehmung, die sich regelmäßig die Frage stellt, ob das „Sport“ im Namen tatsächlich so betitelt werden darf. Aber wie sieht es denn aus? Wer ist Befürworter und wer ist Gegner? Was sind Argumente und Gegenargumente? Und vor allem: Ist es nun ein Sport oder nicht?

Die Definition des Sports

Eine Definition für den Begriff „Sport“ zu finden, ist unglaublich schwierig. Selbst Experten, die sich mit dem Thema befassen, heben hervor, dass eine eindeutige und universelle Begriffserklärung kaum möglich ist. Zwar existieren eindeutige Charakteristiken, die Sport an sich ausmachen, allerdings kein Sammelbegriff, der all diese Attribute unter einem Dach erklären kann. Nehmen wir doch die Definitionserklärung des Duden, der Sport „nach bestimmten Regeln (im Wettkampf) aus Freude an Bewegung und Spiel zur körperlichen Ertüchtigung“ einordnet. Zudem bedeutet Sport laut dem Duden auch „Liebhaberei, Betätigung zum Vergnügen, zum Zeitvertreib und zum Hobby“.

Die Frage ist, ob sich die Charakteristiken des eSports mit der eigentlichen Definition des Sports vereinbaren lassen.

Inwiefern der eSport nun in diese Definitionen hineinpasst, mag jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist: ein professioneller Gamer hat ebenso Training wie ein normaler Leistungssportler und setzt den Körper ebenso unter Druck, wie es beispielsweise ein Marathonläufer tut – nur eben auf eine andere Art. Beim Gaming werden Reaktionszeit, Durchhaltevermögen, Geschwindigkeit sowie die Auffassungsgabe besonders gefördert. Natürlich wird der Körper hier aber auf eine ganz andere Art und Weise belastet, wie es beispielsweise beim Joggen ist.

Die politische Anerkennung

Der Teil ist schwierig, da sich die Regierung offensichtlich selbst nicht im Klaren ist, wie das Thema angefasst werden sollte. Im Februar des vergangenen Jahres veröffentlichte die große Koalition ein Papier, in dem bestätigt wurde, dass der eSport offiziell als Sportart anerkannt wird. Wie es aber leider allzu oft in der Politik passiert, wurden die Versprechungen nicht in die Realität umgesetzt. Stattdessen ruderte die Koalition ein halbes Jahr später zurück und erklärte das zuvor öffentlich gemachte Papier als nichtig.

Selbst die Politik scheint sich nicht ganz im Klaren zu sein, wie man den eSport einstufen soll.

Eine wirkliche Begründung für das Zurückrudern gab die Regierung nicht ab und wälzte die Verantwortung stattdessen auf den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ab. Die Regierung würde „kein Anerkennungsverfahren für Sportarten“ durchführen. Warum es ein halbes Jahr zuvor allerdings ein solches Papier gegeben habe und dieses zudem noch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, bleibt vermutlich auf ewig ein (politisches) Geheimnis.

Die Sache mit Olympia

Als wäre die Geschichte um die politische Anerkennung nicht schon kompliziert genug, wird es nun noch verrückter: Olympia. Dem eSport werden seit Jahren gute Chancen eingerechnet, vom olympischen Komitee bald als offizielle Sportart übernommen zu werden. Und obwohl vor allem in Asien große Fortschritte erzielt wurden, erteilte IOC-Präsident Thomas Bach dem eSport erst einmal eine Absage.

Obwohl es in Asien Fortschritte gibt, stellt sich das olympische Komitee noch gegen den eSport (Quelle: Ink Drop/Shutterstock.com)

Der Deutsche Olympische Sportbund bläst in das gleiche Horn und sieht den eSport nicht als tatsächliche Sportart an. Als Grund wurden unter anderem die Themen der nicht vorhandenen Vereinsstrukturen, einem potentiellen Suchtpotential sowie Wettkämpfe, die von den Firmen für Marketing missbraucht werden, genannt. Besonders kurios: Der DOSB unterscheidet mittlerweile zwischen eSport (FIFA und andere Sportspiele) und eGaming (Counter Strike oder League of Legends) – ein Umstand, der bei vielen Menschen für viel Unverständnis gesorgt hat.

Der ESBD kritisiert scharf

Der eSport-Bund Deutschland (ESBD) kann sich mit den Entscheidungen des Olympia-Komitees nicht anfreunden. Mangelnde Offenheit und Modernität wird dort als Argument angeführt und selbst eine Unkenntnis der Materie (im Bezug auf die Teilung in eSport und eGaming) wird den Verantwortlichen vorgeworfen – für viele zu Recht. Einen kleinen Seitenhieb gab es dann ebenso auf andere Sportarten, die vom olympischen Komitee als offizielle Disziplin anerkannt wurden, insbesondere Schach. Schach fördert ebenso nicht die körperliche Bewegung, sondern schärft die Sinne und belohnt das Nachdenken. Ähnlich wie es beim Gaming der Fall ist. Doch während die eine Sportart abgeschmettert wird, wurde die andere aufgenommen. Man sieht hier klar, wie unregelmäßig der Entscheidungsprozess seitens des Komitees ist, eine offensichtliche und nachvollziehbare Linie wird hier nicht verfolgt.

Fakt ist: die Professionalisierung nimmt zu

Der eSport baut von Monat zu Monat immer stärkere Strukturen auf und neben regelmäßigen Großevents, nehmen beispielsweise auch Gaming-Vereine immer mehr Gestalt an. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Strukturen auf einem hochprofessionalisierten Zustand sind. Der Anteil an Geldgebern und Sponsoren ist in den letzten Jahren durch die Decke geschossen und immer mehr Sportvereine oder Prominente sind auf den rauschenden Zug aufgesprungen. Fußball-Bundesligavereine wie der VFL Wolfsburg oder der FC Schalke 04 unterhalten derzeit ebenso ein eSport-Team, wie amerikanische Clubs aus den großen Ligen NFL oder NBA.

Solch ein Hype hat auch Vereine und Stars dazu bewogen, ordentlich in den eSport zu investieren (Quelle: Roman Kosolapov/Shutterstock.com)

Aber selbst bei den Stars macht der Hype keinen Halt: Mesut Özil etwa gründete sein eigenes eSports-Team. Und musikalische Schwergewichte wie Rapper Drake oder Star-DJ Steve Aoki haben ebenso investiert und sind nun stolzer Besitzer eines eigenen Teams. Passionierte Unterstützung von bekannten Menschen schafft auf Dauer Akzeptanz in der Öffentlichkeit und eben diese könnte helfen, den eSport in den Medien noch wirksamer zu positionieren und daraus aus einem ehemaligen Nischenprodukt einen waschechten Sport zu machen – zumindest im Auge der Bevölkerung.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ist eSport nun echter Sport oder nicht?

Nun, wir haben entschieden, uns zu dem Thema nicht weiter zu äußern und den Kelch an euch weiterreichen. Wir haben viele Pro- und Kontra-Punkte gelistet, das Thema ein bisschen näher beleuchtet und ausschlaggebende Gründe für das Handeln der einzelnen Entscheidungsträger erklärt. Damit sollten alle Grundsatzinformationen vorhanden sein, um eine gesunde Diskussion über das Thema zu führen. Denn Redepotential ist in jedem Falle vorhanden und es gibt sicherlich viele Menschen, die Argumente für die eine, wie auch die andere Seite finden. Ist Schach so viel mehr Sport als es der eSport ist? Gefährdet der eSport unsere Jugend? Warum fehlt die Akzeptanz der breiten Öffentlichkeit? Wir würden uns freuen, wenn ihr eure Meinung zum Besten geben würdet!

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